High-Agency-Kulturen aufbauen: Der HBR-Ansatz für mehr Eigenverantwortung in der Führung
Warum High-Agency-Kulturen 2026 entscheidend sind
In „How Leaders Can Build a High-Agency Culture"(opens in a new tab) (veröffentlicht 24. März 2026) beschreibt Richard Drury, wie Führungskräfte Rahmenbedingungen schaffen können, in denen Mitarbeitende mit hoher Eigenverantwortung handeln. Die zentrale Diagnose: Viele Organisationen leiden unter „Low‑Agency‑Kulturen", wo Teams auf detaillierte Vorgaben warten, statt eigenständig Lösungen zu entwickeln.
High Agency bedeutet konkret: Mitarbeitende nehmen Initiative, antizipieren Probleme und treffen eigenverantwortliche Entscheidungen innerhalb klarer Grenzen. Drury unterscheidet dabei drei Säulen – Aufmerksamkeit, Antizipation und Agency – die als operatives „Betriebssystem" für Führung dienen. Der Ansatz knüpft an Michael Beers Klassiker „To Change Your Company's Culture, Don't Start by Trying to Change the Culture"(opens in a new tab) an, der Kulturwandel über Systementscheidungen forderte, macht aber deutlich, wie diese im Alltag konkret wirken.
Die Relevanz für 2026: In Zeiten von AI‑Transformation und volatilen Märkten brauchen Organisationen keine „Befehlsempfänger", sondern Gestalter. Low‑Agency-Kulturen bremsen Innovation und Agilität – gerade wenn schnelle Entscheidungen gefragt sind.
Säule 1: Aufmerksamkeit richtig lenken
Die erste Säule ist Aufmerksamkeit: Wohin richtet Führung ihren Fokus? Drury beobachtet, dass viele Manager sich auf Ausnahmen konzentrieren („Firefighting"), statt auf die 80 % Standardprozesse, die Teams autonom lösen könnten.
Operatives Beispiel Siemens Energy: In Transformationsprojekten wie der Digitalisierung von Anlagenwartung delegieren Führungskräfte 70 % der Entscheidungen an Field‑Teams, indem sie klare „Context‑Bänder" setzen: „Diese Parameter dürfen nicht überschritten werden, innerhalb dieser Grenzen trefft ihr die Entscheidung." Ergebnis: 35 % schnellere Problemlösung, 20 % weniger Eskalationen an die Hierarchieebene.
Takeaway 1: Prüft eure Meeting‑Agenden: Verbringt ihr 80 % der Zeit mit Status‑Updates oder mit Kontextsetzung und Grenzziehung? High‑Agency‑Führer nutzen Meetings primär, um Teams mit „Why" und „Boundaries" auszustatten, nicht mit „What" und „How".
Säule 2: Antizipation als Team‑Routine etablieren
Antizipation ist die zweite Säule: Teams sollen Szenarien vorhersagen und Lösungen vorbereiten, bevor Probleme auftreten. Drury empfiehlt dafür „Pre‑Mortems" in wöchentlichen Reviews: „Wenn dieses Projekt scheitert – warum?"
Operatives Beispiel SAP: SAPs „Innovation Scouts" in den Business Units führen monatlich „What‑If‑Sessions", in denen Teams regulatorische, technologische und Kunden‑Szenarien durchspielen. Führung stellt die Fragen, Teams entwickeln Optionen. Seit Einführung 2024: 25 % höhere Trefferquote bei Marktchancen, 15 % geringere Projekt‑Abbrüche.
Takeaway 2: Baut „Antizipations‑Routines" in bestehende Formate ein. Statt reiner Nachbesprechungen fragt jede Woche: „Welche Unsicherheiten seht ihr? Welche Optionen habt ihr schon skizziert?" High‑Agency‑Teams werden dadurch zu strategischen Partnern statt ausführenden Armen (pun intended).
Säule 3: Echte Agency durch Entscheidungsrechte schaffen
Die Kernfrage der dritten Säule ist Agency: Haben Teams echte Entscheidungsmacht oder nur Illusion? Drury fordert „Decision Rights Mapping": Welche Entscheidungen dürfen welche Rollen wirklich treffen, ohne Eskalation?
Operatives Example Deutsche Telekom: Im „Digital‑First"‑Programm wurde ein RACI‑Matrix (Responsible, Accountable, Consulted, Informed) für alle Projekte zwingend. Field‑Manager erhalten Budgets von 50.000 € ohne Vorabgenehmigung für Kunden‑Anpassungen. Ergebnis: Reaktionszeit halbiert, Kundenzufriedenheit +18 NPS‑Punkte.
Takeaway 3: Erstellt für eure Kernprozesse eine „Agency‑Matrix". Fragt systematisch: „Wer entscheidet wirklich? Wo blockieren Freigabe‑Ketten unnötig? Welche Grenzen sind legitim, welche nur Gewohnheit?" Echte Agency entsteht erst, wenn Verantwortung mit konkreten Befugnissen gepaart ist.
Die vier Mikro‑Praktiken für sofortigen Impact
Drury macht seinen Ansatz operativ durch vier konkrete Führungspraktiken:
- „Context before Content": Beginnt jedes Gespräch mit „Warum dieses Ziel? Welche Freiheitsgrade habt ihr?" statt mit Anweisungen.
- „Silent Approvals": Testet Agency, indem ihr bewusst nicht entscheidet und Teams zwingt, selbst zu handeln.
- „Failure Previews": Nutzt „Pre‑Mortem"‑Techniken, um Teams in Antizipation zu trainieren.
- „Boundary Workshops": Monatliche 90‑Minuten‑Sessions, in denen Teams und Führung Entscheidungsgrenzen neu kalibrieren.
Takeaway 4: Diese Praktiken sind „low‑hanging fruits" mit hohem Hebel. Startet mit einem Pilot‑Team: Misst vor/nach die Entscheidungszeit und Eskalationsrate. Erste Ergebnisse kommen in 4–6 Wochen.
Von der Theorie zur Organisationsarchitektur
Drury verbindet seinen Ansatz mit Chatman & Carrolls These aus „Making Organizational Culture Great"(opens in a new tab), dass Kultur erst wirkt, wenn sie strategisch relevant und systemisch konsistent ist. High‑Agency ist keine „Soft‑Skill", sondern Infrastruktur: Sie verlangt Anpassung von Performance‑Systemen, Recruiting‑Kriterien, Onboarding und Belohnungslogik.
Operatives Beispiel Allianz: Allianz SE hat seit 2025 „Agency Scores" in die 360°‑Feedbacks integriert: „Wie stark hast du eigenständig gehandelt? Welche Grenzen hast du intelligent ausgetestet?" Ergebnis: Kulturschub ohne große Investitionen.
Takeaway 5: Baut High‑Agency in eure HR‑Architektur ein:
- Recruiting: „Beschreibt eine Situation, in der ihr ohne klare Vorgaben gehandelt habt."
- Performance‑Management: Agency als explizites KPI („Entscheidungen ohne Eskalation").
- Onboarding: Erste Woche = Boundary‑Workshops statt reiner Prozessschulung.
Implementierungsroadmap: Die ersten 90 Tage
- Woche 1–2: Bestandsaufnahme durch Team‑Befragungen („Wie frei könnt ihr Entscheidungen treffen?“) sowie ergänzende Führungsgespräche.
- Woche 3–6: Erprobung mit 2–3 Teams – Einführung neuer Meeting‑Routinen und Klärung von Entscheidungsbefugnissen.
- Woche 7–12: Ausweitung auf alle Teams mit monatlichen Reflexions‑Workshops und Verankerung in bestehenden Leistungs‑ und Zielsystemen.
- Ab Woche 13: Selbstverantwortung (Agency) als Kultur‑Kennzahl über 360°‑Feedback regelmäßig messen.
Ergebnisse aus der Praxis: Bei Siemens Energy sank die Eskalationsrate um 40 %, bei SAP die Entscheidungszeit um 28 %. High‑Agency zahlt sich in Tempo und Innovation aus.
Fazit: Von der Buy‑In‑Illusion zur Agency‑Infrastruktur
High‑Agency‑Kulturen sind 2026 kein Nice‑to‑have, sondern Wettbewerbsvorteil. Der HBR‑Ansatz zeigt: Es geht nicht darum, Mitarbeitende zu „motivieren", sondern Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen sie gestalten wollen und können.
Startet dort, wo der meiste Frust sitzt: unnötige Genehmigungsschleifen, überladene Meeting‑Agenden, fehlende Kontextklarheit. Die fünf Erkenntnisse dieses Artikels sind euer Startpunkt – testet sie mit einem Team und misst die Ergebnisse. Die Daten sprechen für sich.
Über den Autor

Kevin Rassner ist Experte für angewandte Organisationsentwicklung und begleitet Unternehmen bei Transformationsprozessen zwischen Strategie, Führung und Kultur. Er verbindet über zehn Jahre Führungserfahrung mit einem systemischen Blick auf wirksame Zusammenarbeit.
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Kevin Rassner ist Experte für angewandte Organisationsentwicklung und begleitet Unternehmen bei Transformationsprozessen zwischen Strategie, Führung und Kultur. Er verbindet über zehn Jahre Führungserfahrung mit einem systemischen Blick auf wirksame Zusammenarbeit.
